Matthias Stomer: Vom augenscheinlich Gegenwärtigen und vom versteckt Zukünftigen

Vor dunklem, ja nahezu pechschwarzem Grund hebt sich ein Figurenprogamm aus der Dunkelheit der Nacht hervor. Nah am Bildrand arrangiert, finden sich fünf Personen vor einer warmen Lichtquelle versammelt, deren Anschein die unverwechselbare Wärme von Kerzenlicht in Erinnerung zu rufen mag. Doch anstelle des Kerzenlichts, strahlt ein Neugeborenes die es Erblickenden in voller Kraft an. Sein Körper allein ist es, von welchem die ganze Leuchtkraft auszugehen scheint, die alles ihn Umgebende in eine goldene Wärme taucht. Wahrlich, „das Licht der Welt“ erhellt die Dunkelheit dieses einfachen Interieurs. Dem wundersamen Licht sind tief versunken liebliche Blicke zugewandt, es strahlt eine Ruhe aus, dass man gleichsam die Stille der gebannten Hingabe meint hören zu können. 

Abb.1.: Matthias Stomer, Anbetung der Hirten, Öl auf Leinwand, 117 x 166 cm,  um 1640, Fürstliche Sammlung Lichtenstein, Vaduz/Wien.

Der niederländische Maler Matthias Stomer, auch Stom genannt, hat mehrere Fassungen derselben Geburtsszene Christi, beziehungsweise der Anbetung der Hirten, ausgeführt. Sie weisen eine formal sehr ähnliche Gestaltung auf, gleichen sich in der Komposition und wirken alle auf den ersten Blick wie eine etwas nüchterne, einfache Darstellung der Heiligen Familie. Doch in ihrer Einfachheit, insbesondere in dieser hier aufgegriffenen Umsetzung aus der Lichtenstein Princley Collection (Abb.1), liegt eine vielschichtige Verspieltheit. In die kanonischen Farben Rot und Blau gekleidet, weist sich die weibliche Figur zur Linken als Maria aus, ihr gegenüber steht staunend der irdische (Zieh-)Vater Joseph. Maria hebt mit beiden Händen das weisse, goldschimmernde Tuch leicht an, auf welchem das strahlende Christuskind in der Krippe liegt, um den Anwesenden das wundersame Licht der Welt zu zeigen. Doch bei genauer Betrachtung wird ersichtlich, dass die Bewegungsrichtung der Aufdeckung und die Art, wie das Tuch gehalten und ausgerichtet ist, nicht zur Gänze aufgehen. Die Art und Weise, wie die in ihrer rotblauen Gewandung gekleidete Maria das Tuch hält, erinnert an einen anderen Bildtypus der christlichen Ikonographie

Abb. 2.:  Hans Memling, Heilige Veronika mit Schweißtuch, Öl auf Holz, 30.5 x 29 cm, um 1470, National Gallery of Art, Washington DC.

Es gibt eine gewisse formale Korrespondenz zu der Darstellung des Schweisstuches der Veronika, wie sie beispielsweise der Maler Hans Memling 1470 ausgeführt hatte – interessanterweise ist dessen Veronika ebenfalls in Blau und Rot gekleidet (Abb. 2). Will man dieser Interpretation folgen, so schreibt sich die subtile Andeutung an den Bildtypus als eine gewisse Vorwegnahme auf die Passion Christi ein.  

Auch in der Darbringung der Hirten, die etwas hintergründig im Bildraum platziert und weniger hell angeleuchtet werden, eröffnet sich eine etwas rätselhafte Symbolik. Die Komposition betrachtend 

(Abb. 3), liegt in einer Linie mit dem hochgestreckten Arm des Neugeborenen der Kopf einer toten Gans. Als alleinig sichtbare Darbringung scheint diese zu deutlich in die Komposition integriert zu sein, um lediglich auf die rustikale Einfachheit der Hirtengaben zu verweisen. Richten wir jedoch das Augenmerk auf die spärliche Ausstattung der Szenerie, die neben dem nicht weiter definierbaren dunklen Hintergrund und den hell beleuchteten Anbetenden samt Christuskind lediglich zwei Objekte erkennen lässt: die Krippe und einen geflochtenen Korb, der vom mittig positionierten Hirten gehalten wird und in welchem das tote Tier liegt. Der Korb und die ebenfalls aus einfachem Material geflochtene Krippe eröffnen nun doch eine Parallelität zwischen Tod und Geburt, verweisen also gleichwohl auf die Zukunft in der Gegenwart des Erlösers. 

In dieser einfach gehaltenen Umsetzung der Anbetung eröffnet der Maler Matthias Stomer eine durchaus bemerkenswerte Vielschichtigkeit, auf einer subtilen, über Kontraste formulierten, augenscheinlichen Ebene. Die Leuchtkraft des Christuskindes kommt gerade durch die spärlichen Lichtverhältnisse zur Geltung. Dadurch wird die Wahrnehmung der Mimik und Gestik der Figuren intensiviert und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die einzige Regung im Gemälde.

Abb.3.: Matthias Stomer, Anbetung der Hirten - Detail

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Anliegen dieser Bildbetrachtung war es hervorzuheben, von welcher Qualität das Gemälde eines zwar mehrheitlich sehr unbekannt gebliebenen, jedoch sehr leicht wiedererkennbaren Malers ist: So zeugen die meisten seiner Gemälde im Stile der Caravaggisten von starken Hell-Dunkel-Kontrasten, und meistens ist die Lichtquelle tatsächlich einer Kerze zuzuordnen. 

 

Der unbekannte niederländische Maler Matthias Stomer malte mehrheitlich biblische Szenen und Genrebilder. Etwa 200 Werke lassen sich ihm zuschreiben, aber anzunehmen ist, dass es sich bei den bis heute erhalten gebliebenen Werken wohl lediglich um ein Drittel seiner Hervorbringungen handelt. Wie kommt es also, dass Stomer, dessen Wiedererkennbarkeit so gross ist, praktisch niemand beim Namen nennt? Ein Ansatz liesse sich finden in der Tatsache, dass Stomer, im Gegensatz zu den niederländischen Caravaggisten, nach Italien reiste und nicht mehr zurückkehrte. Um 1630 ist sein Aufenthalt in Rom bezeugt, in einer Zeit also, in welcher Caravaggio und dessen Nachfolger bereits durch eine zunehmend stärkere Barockkunst abgelöst wurden, beispielsweise durch die Kunst des Pietro da Cortona. Stomer reiste weiter gegen Süden, nach Neapel, und weilte in Sizilien, wo seine stilistische Gefolgschaft als Caravaggist wohl noch stärker gefragt war. Jedoch ist wenig über sein Wirken und die sein Werk schätzenden Beschauer überliefert. Beides bleibt wohl ein Mysterium.

Carla-Patricia Kojich