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Félix Vallotton und der magisch kühne Blick

  • Kojich & Felder Reisen zur Kunst
  • vor 10 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

 

 

Meinen gestrigen Tag verbrachte ich in der Bibliothek des Kunstmuseums. Ich tauchte voller Freude in die Welt der Ausstellungskataloge und Publikationen zu Félix Vallotton ein, las und studierte gebannt, doch hi und da schweifte ich ab – wie es der menschliche Geist eben auch zu pflegen weiss. Ausschlaggebend dafür war das folgende Programm, denn am Abend hostete ich ein Dinner mit Freundinnen und anschliessendem Pokerspiel – mein zweites Spiel überhaupt. Zwischen meiner Recherche und meinem Kopfkino über den möglichen Verlauf der Partie stiess ich auf dieses Gemälde Vallottons, fand es außerordentlich treffend und schickte es meiner geladenen Freundin (und damaligen Kommilitonin) mit den Worten – «wie passend, nicht?». Ich ahnte kaum, wie treffend das Bild sich noch erweisen würde.


Félix Vallotton, Le Poker, 1902, Öl auf Karton, 52,5 x 67,4 cm, Musée d´Orsay, Paris
Félix Vallotton, Le Poker, 1902, Öl auf Karton, 52,5 x 67,4 cm, Musée d´Orsay, Paris

Bei meinem morgendlichen Kaffee dämmerte es mir: Was Vallotton mit Poker verbindet lieg wohl in und auf der Hand. Nicht nur das Sujet des Gemäldes, dass sich im Musée d Orsay befindet, sondern vor allem das, was seine Kunst so bezeichnend macht: sein kühner beobachtender Blick, eine Priese Magie, seine gekonnte Mehrdeutigkeit und zuweilen Ironie, wie auch seine eigene Lebensgeschichte des (sozialen) Aufstiegs.  



Das Werk des äußerst produktiven, gebürtigen Lausanners Félix Vallotton umfasst rund 1700 Gemälde, über 200 Holzschnitte, zahlreiche Zeichnungen sowie tausende Illustrationen. Hinzu tritt eine zwar quantitativ kleinere, jedoch gewichtige literarische Produktion, bestehend aus drei Romanen, Prosa, Essays und Kunstkritiken, sowie nicht zuletzt seine Beteiligungen an Theaterproduktionen.

Der Großteil von Vallottons künstlerischem Schaffen entsteht in Paris, wohin er im Alter von sechzehn Jahren zieht, um seinen Weg als Künstler zu gehen. Dort besucht er die 1868 gegründete, privat geführte Académie Julian, deren Curriculum sich bewusst als Alternative zur traditionell ausgerichteten Académie des Beaux-Arts versteht. Die Schule verfolgt moderne kunsttheoretische Diskurse und schließt neue Techniken wie Monotypie und Lithographie ein. Letzter sind keineswegs als rein handwerkliche Erweiterungen zu verstehen, sondern stehen in engem Zusammenhang mit den kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit. Das serielle Druckverfahren avanciert gleichsam zum Medium des Zeitgeistes; einerseits reflektiert es die wachsende Faszination der künstlerischen Avantgarde für Strömung des Japonismus als auch die veränderten politischen Rahmenbedingungen im Frankreich der 1880er-Jahre. Mit der seit 1881 gesetzlich verankerten Meinungs- und Pressefreiheit eröffnen sich neue Räume für bildliche Kommentare, satirische Zuspitzungen und eine massenhafte Verbreitung von Bildern – Bedingungen, unter denen druckgrafische Verfahren eine neue künstlerische und gesellschaftliche Relevanz erlangen. In diesem Spannungsfeld zwischen ästhetischer Innovation und politisch-sozialer Öffnung formt sich ein visuelles Vokabular, das für Vallottons Werk von grundlegender Bedeutung sein wird.

 

Diese Bedeutung beginnt sich in Vallottons frühem grafischem Werk abzuzeichnen. Zwar stellt Vallotton sein Talent für die Malerei früh unter Beweis und erntet von seinem Lehrmeister aufrichtige Worte des Lobes, gleichwohl ist seine künstlerische Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbsttragend und ab 1888 erhält der junge Schweizer von seinem Vater keine finanzielle Unterstützung mehr. Neben vereinzelten Auftragsarbeiten als Kopist und Portraitist bestreitet er seinen Lebensunterhalt überwiegend durch den Verkauf von Drucken und Illustrationen für Zeitschriften. Gerade in diesen frühen Druckgrafiken zeigt sich bereits ein eigenständiger, kritischer und äußerst differenziert beobachtender Zeitgenosse. Vallottons Bildsprache ist pointiert; sie nähert sich der sichtbaren wie auch der unsichtbaren Welt gleichermaßen sensibel und ironisch.


In dieser Anfangszeit steht der junge Schweizer der Künstlergruppe der Nabis sehr nahe, zu deren Kreis unter anderem Pierre Bonnard und Édouard Vuillard gehören. Gemeinsam teilen sie ein Interesse an kräftigen Farben, am Japonismus sowie an der bewussten Ablehnung akademischer Konventionen und naturalistischer Perspektivenwiedergabe. So verstehen sie als Ziel ihrer künstlerischen Arbeit nicht das Sichtbare abzubilden, sondern als Ausdrucksträger des Unsichtbaren zu fungieren.


Trotz dem geteilten ästhetischen Interesse und dem engen Kontakt zu manchen Mitgliedern der Gruppe, fügt sich Vallotton nie vollständig zu diesem Künstlerkreis und bleibt der sogenannte Nabi étranger, ein Einzelgänger.

 

Etwas schwer Greifbares manifestiert sich in Vallottons Werk: Gegensätze zwischen einer klaren, deskriptiven Linie und einem atmosphärisch aufgeladenen Ausdruck treten darin gleichermaßen hervor. Dies mag daran liegen, dass er sich in seiner Bildsprache nie vollständig von einer naturnahen, konkreten Bezugnahme löst. Zugleich scheint seine für ihn charakteristische Bildsprache aus einem Spannungsfeld zu erwachsen, das er zunächst in der Druckgrafik entwickelte und später in die Malerei überführte. Ein besonders bezeichnendes Beispiel hierfür bildet die Holzschnittreihe Intimités, die in der Revue Blanche erschien. Mit ihr kritisierte Vallotton auf ironische Weise die Bourgeoisie und festigte zugleich seinen Ruf als Neuerer des Druckmediums.


Félix Vallotton, L’Irrépable, (Serie Intimités X), 1898, Holzschnitt, 18 x 22,5 cm, in: La Revue Blanche, Paris, Museum für Gestaltung Zürich
Félix Vallotton, L’Irrépable, (Serie Intimités X), 1898, Holzschnitt, 18 x 22,5 cm, in: La Revue Blanche, Paris, Museum für Gestaltung Zürich

 

Dieser differenziert beobachtende Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen prägte nicht nur seine Grafiken, sondern auch viele seiner Gemälde. Besonders die kurz vor 1900 entstandenen, bühnenartig wirkenden Interieurdarstellungen wirken auf den ersten Blick harmlos und beschaulich; auf den zweiten Blick tritt jedoch eine entlarvende Ebene hervor, die die Spannungen, Intrigen, Spiele und Begehren innerhalb der Gesellschaft offenlegt. Mit dem sozialen Aufstieg, den ihm die Heirat mit Gabrielle Rodrigues-Henriques im Jahr 1899 brachte, begann Vallotton, sich fast ausschließlich der Malerei zu widmen. Seine Gattin war vermögend, verwitwet und hinzu kam, dass ihre Brüder die renommierte Galerie Bernheim-Jeune betrieben, wodurch Vallotton auf dem Kunstmarkt vorteilhaft positioniert wurde.

Das Poker-Bild erweist sich dabei nicht nur aufgrund seiner Bildsprache, sondern auch durch das Sujet als exemplarisch für Vallottons Werk. Zur Hinführung auf sein Œuvre treten besonders zwei Gattungen in den Blick: das Interieur und das Porträt – letzteres beherrschte er bereits in seinem Frühwerk in einem an Ingres erinnernden Naturalismus. Für Vallotton ist jedoch weniger die klare Trennung dieser Gattungen bedeutsam als ihre Durchdringung:


Im bürgerlichen Interieur spiegelt sich ein gesellschaftliches Porträt, das die menschliche Komödie aus Sehnsüchten, Irrungen und unerfüllten Hoffnungen sichtbar macht. In diesen Szenen zeigt sich Vallotton als scharfer Beobachter seiner Zeit – und wohl auch seiner selbst.


Die Heirat machte ihn schließlich selbst zum Teil jener Bourgeoisie, deren Doppelmoral er zuvor in seinen Werken kritisch beleuchtet hatte. In diesem großbürgerlichen Interieur, das samtene Stoffe in zitronengrün-gelblichen und tiefroten Farbtönen vereint, sind die Bildobjekte zugleich realistisch dargestellt wie symbolisch aufgeladen. Denn die Proportionen erscheinen inkohärent: Besonders der Tisch im Vordergrund und die darauf mittig platzierte Lampe scheinen eine eigene Präsenz zu haben, fast als wären sie eigenständige Protagonisten in diesem gesellschaftlichen Zusammenspiel. Die Lampe auf dem großen Tisch, den wir in überzeichneter Aufsicht sehen, scheint uns entgegenzuwirken und weist uns auf unseren Platz vor dem Bild zurück.


Félix Vallotton, Le Poker (Detail)
Félix Vallotton, Le Poker (Detail)

 

Gleichzeitig lenkt sie unseren Blick über ihren reflektierenden Lichtschein auf dem Tisch im Vordergrund zunächst ins Zentrum des Bildes und schließlich in den linken Hintergrund. Hier sitzen fünf Figuren am Tisch, vertieft in das Kartenspiel. Der Mann ganz links, am äußersten Bildrand, neigt sich zum Tisch, wodurch zusammen mit den weiteren Figuren eine leichte Diagonale entsteht. Diese wird noch deutlicher wahrnehmbar, da die gesamte Raumschichtung leicht schräg angelegt ist – in die entgegengesetzte Richtung. Lässt sich diese Schräglage als Ausdruck des Inneren verstehen? Wer sitzt entspannt am Tisch, wer weniger? Wer hat die besseren Karten in der Hand? Wir werden es nicht erfahren. Doch die mittig platzierte Lampe scheint uns gemeinsam mit der gelben Samtdrapierung etwas zuzuflüstern, als würde der Mann ganz rechts am Tisch sich unter dem Schutz eines Flügels befinden.


Carla Patricia Kojich

 
 
 
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