Dort, wo alles in Ordnung ist

Updated: Feb 16

Der subjektiven Erinnerung wurde immer schon eine grosse schöpferische Bedeutung in den Künsten zugemessen. Nicht umsonst ist die griechische Göttin der Erinnerung, Mnemosyne, die Mutter der Musen. Die Erinnerung lässt den Wunsch aufblitzen, das in der Vergangenheit zurückliegende zu Aktualisieren und in poetischer Form zu bewahren. Die Erinnerung bringt Fernes nah, ähnlich dem Traum und der Sehnsucht. Sie lädt uns durch das Vermögen der Einbildungskraft, zum Reisen ein. Im Frühjahr 1904 reist der Künstler Henri Matisse zu einem Ort harmonischer Schönheit. Er verbringt den Sommer an der Küste bei Saint-Tropez, wo alles in Ordnung ist. In Gefolge dieses Sommeraufenthaltes, kehrt Henri Matisse zurück nach Paris und schafft dort 1904 das Gemälde, das den Beginn seines künstlerischen Durchbruchs markiert: Luxe, calme et volupté.

Luxe, calme et volupté , Henri Matisse, 1904

Um dem farbenprächtig paradiesischen Küstenbild einen alles vereinenden Titel zu gewähren, leiht er sich den letzten Vers des Gedicht Baudelaires –

L’Invitation au voyage, in: Fleur du Mal, 1857


Là, tout n'est qu'ordre et beauté, Luxe, calme et volupté.

In sowohl kräftig leuchtenden als auch pastos milden Farbnuancen eröffnet sich vor dem Betrachter eine idyllische Ferne in augenscheinlicher Nähe. Nah am Bildrand gesetzt und um ein Picknick Tuch versammelt, sind badende Figuren zu sehen, deren alleinige Bekleidung die im Licht gebadeten Körper zu sein scheinen. In halbliegender Haltung ruht zentral platziert ein weiblicher Akt, zu ihrer rechten sind weitere weibliche Figuren zu erkennen, die sich die Frisur richten, sich vielleicht nach dem baden trocknen und sich lediglich in ihrem Dasein geniessen. Die Figuren scheinen trotz der nahen Anordnung gleichsam verstreut für sich, in einer Selbstversunkenheit zu weilen. Ganz links steht eine uns mit dem Rücken zugewandte Figur, die im rechten Vordergrund ebenfalls mit dem Rücken zugewandt sitzende Figur, scheint zum Meer zu blicken und nicht zur Stehenden, die sich mit ihren Händen die Haare hochzieht. In kurz: Es scheint keine explizit kommunikativen Beziehungen zwischen den Figuren zu geben, als wäre das Gemeinsam-Sein Grund genug, viel mehr gäbe es hierbei auch nicht zu sagen’. Unbekümmert von des Betrachters Anwesenheit vor dem Bild, oder ohne Kenntnisnahme dessen, gehen die Figuren ihrem tagträumerischen Weilen nach, als ob diese Idylle lediglich für Sie existiere – das Segelboot am Küstenstrich will wohl auch den einzigen Weg hierhin ermöglicht haben. Einzig eine Figur scheint von unserer Anwesenheit möglicherweise Kenntnis nehmen zu können. Diese ist im Gegensatz zu den weiblichen enthüllten Körpern, in ein Tuch gehüllt. Der Körper zeichnet sich dadurch nur durch die Umrisse des Gewandes, auch wirkt die Figur viel kleiner gehalten. Handelt es sich hierbei um ein Kind, umgeben von badenden Schönheiten? Wir werden später noch einmal darauf zurückkommen.


Diesem Gemälde vorgängig fertigte Matisse in jenem Sommer in Saint-Tropez Skizzen an, auf welchen Mme Matisse mit gemeinsamen Sohn beim Baden abgebildet zu sehen sind. Doch handelt es sich in der Gemäldeumsetzung nicht um ein Familienbildnis beim Baden, oder allgemeiner gefasst um ein Genrebild. Das vertraute Saint-Tropez wird zu einem Lichtdurchfluteten Ort paradiesischer Ferne geformt, das vielmehr von Nymphen bewohnt zu sein scheint, als einen Familienausflug abzubilden.

Eingangs wurde darauf verwiesen, dass dieses Werk den künstlerischen Durchbruch Matisses bezeichnet – vielleicht nicht unbedingt was die damals gegenwärtige Publikumsgunst angeht. Für den Künstler selbst jedoch, nimmt das Gemälde einen hohen Stellenwert ein in der Entwicklung seiner künstlerischen Handschrift, sowohl auf thematischer als auch der technischen oder stilistischen Ebene.


Henri Matisse im Studio, mit Mme Matisse


Matisse befand sich im Frühjahr 1904 nach der schlechten Kritik seiner ersten Solo-Ausstellung bei Ambroise Vollard in einer Sinnkrise: Er war sich dessen bewusst, dass er noch nicht seine eigene Handschrift gefunden hatte, und spielt auch nicht ungemein mit dem Gedanken, das Künstlersein aufzugeben. Mit einem Gemüt, das nicht mehr viel zu verlieren kannte, folgte dieser der Einladung Paul Signacs den Sommer in seinem Haus in Südfrankreich zu verbringen. Die etablierte Künstlerfigur Signac – zu jenem Zeitpunkt Präsident des Salons des Independants – erkannte, dass es Matisse gut täte nach Südfrankreich zu kommen und von dort aus zu arbeiten. Matisse fand gewiss viel Anregung in der mediterranen Umgebung und im Austausch mit der Neo-Impressionistischen Kunst – auch Pointilismus genannt, da sie sich von einer in Punkten gesetzten und im Auge abgemischten Farbwirkung auszeichnet.


Paul Signac, 1901, Dampfschiff L'Hirondelle auf der Seine

Neben dem malerischen Umgang mit Farbe und Form, gilt es hierbei noch hervorzuheben, inwiefern Luxe calme et volupté auch auf thematischer Ebene als Wegbereitend zur Formung der künstlerischen Handschrift Matisse verstanden werden kann. Wie bereits aus der kurzen Bildbesprechung hervorgeht, hat Matisse mit dieser idyllischen Küstenlandschaft sich von einer Anbindung an die natürlichen Gegebenheiten der Wirklichkeit distanziert. Lernte und arbeitete Matisse bis dahin primär durch das Kopieren von wichtigen Kunstwerken und durch das Naturstudium, schuf Matisse mit Luxe calme et volupté erstmals eine freie, imaginative, wahrhaftig privilegierte Realität. Wie Baudelaire, der seine Geliebte eingeladen hat, den Alltag zu verlassen, um ihn an einem idealen Ort zu lieben, – „Là, tout n'est qu'ordre et beauté“ – lädt uns Matisse ein, Zeuge einer paradiesischen Szene zu sein. Den Titel hat zwar Matisse von Baudelaire entliehen, doch ist das Bild nicht als Illustration des Gedichtes zu verstehen. Bild und Gedicht treffen sich jedoch in der traumhaften Erinnerung eines fernen Ortes.


Meinen Beitrag möchte ich mit einer erneuten Bezugnahme auf die umhüllte Figur schliessen. Ich habe in der Bildbesprechung die Frage gestellt, ob es sich hierbei um ein Kind handle, dass sich umgeben von badenden Schönheiten sieht.


Heri Matisse, Luxe, calme et volupté (Detail), 1904

Nun möchte die Frage erweitern. Sieht sich diese kindliche Gestalt, die eine doch sonderbare Stellung im Bildganzen einnimmt, tatsächlich umgeben von badenden Schönheiten, oder sind diese womöglich auch Geschöpfe seiner Vorstellung. Teilt sich hier das Bild als die Verbildlichung seiner Bildwelt mit? Und überhaupt, ob nun diese Figur tatsächlich Kind ist, oder so erscheint, da es die Welt mit kindlichen Augen voller Fantasie sieht – oder gar als Selbstbildnis des Malers Matisse verstanden werden kann, möchte ich nun Ihrer Vorstellungskraft überlassen.



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