• Kojich Reisen zur Kunst

Meredith Framptons ‘Marguerite’, Magnolien und die zeitlose Eleganz


Meredith Frampton, Marguerite Kelsey [Woman Reclining], 1928, Öl auf Leinwand, 120.8 x 141.2 cm, Tate Modern, London


In einer nahezu schwerelos anmutenden Eleganz zeigt sich der ruhende Körper einer jungen Frau. In die zarten Sandtöne eines schlichten Kleides gehüllt, ruht sie in einer halbliegenden Sitzposition mit den Beinen hochgezogen auf einem dunklen auberginenfarbigen Sofa. Ihren rechten Arm hat sie auf der Sofalehne platziert, den Ellbogen nahezu im rechten Winkel gebogen und ihren linken Arm entspannt in ihrem Schoss liegend. In dieser Haltung ruhend schliessen ihre Hände die Komposition in einer optischen Kreisform. Dabei überkreuzen sich die Finger lediglich durch die Perspektive, eine tatsächliche Berührung der beiden Hände scheint nicht gegeben.

In diesem Detail hinsichtlich des Arrangements glaube ich eine wesentliche Eigenschaft der ganzheitlichen Bildwirkung zusammengefasst zu erkennen; eine gewisse Verschränkung von Momenthaftigkeit und Dauer.


Zum einen äussert sich dies in der Wechselwirkung von Gewicht und Schwerelosigkeit durch die genaue Oberflächenschilderung einer nahezu fotografischen Qualität. Unglaublich wirklichkeitsgetreu erscheint die Portraitierte, ihre Kleidung, aber auch der samtige Stoff des Sofas – so glaubt man beispielsweise die Spannung des Kleides durch die Beugung der Knie, oder die der Polsterknöpfe wahrhaftig zu spüren. Gleichzeitig aber, scheint sich gerade durch diese feine Malweise die Illusion von Körperlichkeit wieder aufzuheben: Man spürt die Gemachtheit des Bildes nicht, sieht keine Spuren des Pinselauftrages. Obschon das Dargestellte mit penibel ausgearbeiteten Schattierungen plastisch erscheint, wird das Bild durch eine gewisse Mattheit geprägt.

Wenige Glanzpunkte und die pastelligen Farbnuancen unterstreichen diese Wirkung. Eine Wirkung, die dem Bildnis der jungen Frau eine mythische, anmutende Schönheit verleiht.


Die Rolle der Farbpalette soll uns weiter dienlich sein, um zu verstehen, inwiefern die geschilderte Wechselwirkung von Schwerelosigkeit und Gewicht mit der Verschränkung von Momenthaftigkeit und Dauer zusammenhängt. Betrachtet man die Farbgebung des Bildes, so fällt auf, dass sich diese aus abgemischten, pastelligen Farbtönen zusammensetzt. Nah bei einander, ohne starke Farbkontraste, bleiben die abgemischten Töne eingebettet in einer harmonischen Einheit. Betrachten wir die Farbpalette des Innenraums, so erkennen wir, wie sich diese in jener der Frau, wie auch im Arrangement der Blumen, vorfinden lassen. Mehr noch: Es scheint als würde die Farbgebung von jener Bezüglichkeit zwischen der Frau und den Magnolien ausgehen, denn diese stehen in einer unmittelbaren Relation. Das Grün der Augenfarbe korrespondiert mit dem Grün der Blumenblätter; die hellen Beigetöne der Blüte mit der Hautfarbe und dem Kleid der Frau; das Rot des Blumenstempels einer bereits verblühten Magnolie mit den roten Schuhen der auf dem Sofa Ruhenden.


Ausgehend von dieser farblichen Relation möchte ich die These aufstellen, dass die Beziehung zwischen der Frau und der Blume eine wichtige Bedeutungsebene eröffnet. So lässt sich die Schönheit der Frau in ihrer Pose ruhend zu einem Stillleben verewigt lesen. Die kurzlebigen Magnolienblüten zeugen vielmehr von der Momenthaftigkeit ihrer Schönheit. Tatsächlich schilderte Meredith Frampton, der Maler dieses Bildnisses, die Schwierigkeit der malerischen Abbildung von Magnolien. Seine Malweise verlangte lange Sitzungen mit dem Modell in seinem Atelier, doch die Magnolien verblühten rasch. Dauer und Momenthaftigkeit in diesem Portrait–Stillleben werden durch den Bildgegenstand und vor allem durch die Malweise des Künstlers gegeben.


Der Maler Meredith Frampton, Sohn des Bildhauers Sir Georg Frampton und der Malerin Christabel Cockerell, wurde 1894 in London geboren. Er lehrte an der St. John’s Wood School of Art und anschliessend von 1912 – 1915 an der Royal Academy of Arts in London, wo er zahlreiche Auszeichnungen erhielt und nach seiner Dienstzeit im ersten Weltkrieg gar zum Mitglied erhoben wurde. Zwischen 1920 und 1945 stieg Frampton zum renommierten Künstler auf und stellte nahezu jedes Jahr an der Royal Academy insgesamt über dreissig Werke aus. Diese Zahl entsprich etwas mehr den heutig noch erhaltenen Werken, da einige durch das Bombardement im zweiten Weltkrieg zerstört wurden und seine Malerkarriere durch seinen Sehverlust nach 1945 notgedrungen ein vorzeitiges Ende fand. Nebst einigen wenigen Stillleben malte Frampton hauptsächlich Portraite, nicht wenige davon waren Auftragsarbeiten, wie beispielsweise jenes des Duke of York, des später amtierenden Königs Georg VI. Trotz der Anerkennung seiner britischen Zeitgenossen und einer 1981 noch zu Lebzeiten des Künstlers abgehaltenen Retrospektive im Tate Britain erhielt Frampton wenig Aufmerksamkeit im Kanon der westlichen Kunstgeschichtsschreibung. Dabei eröffnet seine fotorealistische Malweise, die sich zu gewissem Grade mit dem englischen Realismus der 1920er und 1930er Jahre in Verbindung bringen lässt, ein durchaus interessantes Oeuvre. Einerseits zeugen seine Bildnisse von einer objektiven Betrachtung seiner gegenwärtigen Umwelt und Mode, gleichwohl verleiht sein ebenmässiger und feiner Malstil diesen Sujets eine Nähe zur künstlerischen Strömung des Surrealismus. Eine Bildwelt, die gestochen scharf und gleichwohl verträumt zwischen Augenblicklichkeit und Dauer schwebt.


Carla Patricia Kojich

www.reisenzurkunst.ch



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