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Hansestädte und Handelsrouten – Teil 1: Von Lübeck über Kiel nach Nida

  • Kojich Reisen zur Kunst
  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Das unsichtbare Netz

Wenn man Lübeck zum ersten Mal betritt, könnte man meinen, die Geschichte der Stadt lasse sich an einigen grossen Bildern ablesen: am Holstentor, an den Giebeln der Kaufmannshäuser, an den Türmen der Marienkirche und an der Trave, die hinter den Häusern zum Meer führt. Doch die eigentliche Leistung Lübecks war unsichtbar. Sie bestand nicht nur aus Mauern, Speichern und Schiffen, sondern aus einem Netz von Beziehungen. Dieses Netz reichte von London und Brügge über Bergen und Lübeck bis nach Visby, Reval und Riga. In den Städten des Ostseeraums begegnen wir ihm bis heute: in den Strassen und Rathäusern, in den Kirchen und Kaufmannshäusern, manchmal sogar in der Sprache.


Cornelis Springer, Markt mit Rathaus und Marienkirche, 1870, Museum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck.
Cornelis Springer, Markt mit Rathaus und Marienkirche, 1870, Museum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck.

Die Hanse war kein Staat. Sie hatte weder ein geschlossenes Territorium noch eine gemeinsame Regierung oder eine Armee, die sich mit den Streitkräften der europäischen Königreiche vergleichen liess. Sie war auch kein Handelsunternehmen im heutigen Sinne. Am ehesten lässt sie sich als ein Bündnis von Kaufleuten und später von Städten verstehen, das auf gemeinsamen Interessen, ausgehandelten Privilegien und gegenseitigem Vertrauen beruhte. Ein Kaufmann in Lübeck musste darauf vertrauen können, dass sein Partner in London eine Lieferung entgegennahm, ein Bevollmächtigter in Bergen seine Interessen wahrte und eine Schuld in Riga anerkannt wurde. Wo persönliche Anwesenheit unmöglich war, mussten Briefe, Siegel, Verträge und Namen für die Person einstehen. Die wichtigste Währung dieses Systems war deshalb nicht allein das Geld. Es war der Kredit – abgeleitet vom lateinischen credere: glauben, vertrauen.


Wer über grosse Entfernungen Handel trieb, verkaufte nicht nur Korn, Salz, Tuch, Wachs oder Pelze. Er setzte immer auch den eigenen Namen ein. Ein guter Name konnte fehlende Sicherheiten ersetzen. Er versprach, dass ein Vertrag eingehalten, eine Schuld beglichen und eine Ware in der vereinbarten Qualität geliefert würde.

Darum war die Familie mehr als ein privater Zusammenhang. Sie war das wirtschaftliche Gedächtnis eines Unternehmens. Vermögen, Kontakte, Kenntnisse und Ansehen wurden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Söhne lernten in fremden Kontoren, die Töchter verbanden durch Heiraten Familien und Kapital. Familienbücher hielten nicht nur Geburten und Todesfälle fest, sondern auch geschäftliche Erfahrungen und moralische Regeln.


Geschäft und Familienleben spielten sich häufig unter demselben Dach ab. In der hohen Diele wurden Waren empfangen, Geschäfte abgeschlossen und Bücher geführt; in den oberen Räumen wurde gewohnt. Über allem lagen die Speicherböden. Ein stilles, aber unablässiges Treiben erfüllte das Haus.

Wie solche Häuser aufgebaut waren, lässt sich in der Grossen Petersgrube besonders gut erkennen. Das geschlossene Ensemble historischer Bürger- und Kaufmannshäuser beherbergt heute die Musikhochschule Lübeck. Hinter den alten Fassaden liegen Dielen, Treppen, Innenhöfe und ehemalige Speicher – Räume, in denen einst gehandelt wurde und heute Musik erklingt.


Die Marienkirche – Hauptkirche des Lübecker Bürgertums.
Die Marienkirche – Hauptkirche des Lübecker Bürgertums.

Im Windschatten der Marienkirche


Die Welt der Buddenbrooks entstand lange nach der Blütezeit der Hanse. Doch vieles, was den hansischen Handel getragen hatte, wirkte in den Lübecker Kaufmannsfamilien des 19. Jahrhunderts weiter: der Name, das Ansehen, die Ehe als gesellschaftliche Verbindung und die Verpflichtung, das Ererbte zu bewahren.

Thomas Mann erzählt in seinem Roman nicht vom plötzlichen Zusammenbruch, sondern vom allmählichen Verfall einer Familie. Mit jeder Generation wird das Verhältnis zwischen Geschäft, Pflicht und persönlichem Glück schwieriger. In den späteren Kapiteln wird Lübeck Teil des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs. Die Welt wird grösser, schneller und moderner – zugleich scheint der Lebensraum der Familie immer enger zu werden.



Während unserer Reise suchten wir nach den Verbindungen zwischen dem Roman und der Stadt. Lübeck liebte die Buddenbrooks zunächst nicht. Zu leicht erkannte man hinter den Figuren reale Angehörige der Lübecker Gesellschaft. Was später Weltliteratur wurde, erschien manchen Zeitgenossen als Indiskretion und als wenig schmeichelhaftes Porträt des stolzen Bürgertums.

Das Haus in der Mengstrasse, das Thomas Mann als Vorbild für das Wohnhaus der Familie diente, wird noch immer umgebaut. Es steht unmittelbar gegenüber der Marienkirche, gleichsam in ihrem Windschatten. Hier lebte man unter den Türmen des religiösen und bürgerlichen Selbstbewusstseins der Stadt. Man hörte die Glocken, die den Tag und die Arbeitszeit gliederten.

In der Palmsonntagnacht 1942 traf der Luftangriff auch die Marienkirche. Die Glocken stürzten aus dem Südturm herab und zerschellten auf dem Boden. Man hat ihre Trümmer dort liegen lassen – als Mahnmal gegen den Krieg. Es ist gut so.


Die alten Glocken der Marienkirche
Die alten Glocken der Marienkirche
Das Gewölbe der Lübecker Marienkirche – ein schönes Beispiel norddeutscher Backsteingotik.
Das Gewölbe der Lübecker Marienkirche – ein schönes Beispiel norddeutscher Backsteingotik.

Von Lübeck auf die Ostsee


Von Lübeck fuhren wir nach Kiel und begannen damit auch unsere physische Reise auf einem alten Verkehrsweg des Ostseeraums. Kiel empfängt den Besucher nicht mit der Geschlossenheit und historischen Dichte Lübecks. Als Marine- und Werftenstadt wurde es im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört; in der Altstadt blieb nur ein kleiner Teil der älteren Bausubstanz erhalten. Dafür besitzt Kiel einen grossen, modernen Hafen – ein Tor zur Welt. An diesem Tag lag kein Kreuzfahrtschiff am Kai, und für einige Augenblicke konnte man glauben, wir seien die einzigen Reisenden. Gegen 22 Uhr verliess unsere Fähre den Hafen in Richtung Klaipėda.





Thomas Mann lässt Tonio Kröger seine Begegnung mit dem Meer in zwei Worten zusammenfassen: «Die Ostsee!» Auch wir standen nun auf jenem Seeweg, auf dem einst Salz, Heringe, Wein, Tuche, Bernstein und Wachs transportiert wurden. Die Koggen sind verschwunden. An ihre Stelle sind Fähren getreten, in deren Bauch unzählige Lastwagen über das Meer reisen. Die Warenströme bestehen weiter; nur ihre Form hat sich verändert.


Im Restaurant machte es mir Spass, unsere eher bescheiden gefüllten Teller mit den bis zum Rand beladenen Tellern der Lastwagenfahrer zu vergleichen. Eine Gemeinsamkeit gab es allerdings: Auch sie blickten eifrig auf ihre Smartphones.




Früh aufstehen. Dem Tag auf See und dem sich ständig verändernden Himmel folgen. Inzwischen mit Passagen aus den Buddenbrooks und den unveränderlichen Sätzen Thomas Manns ringen. Das Frühstück wird um 9 Uhr serviert; nach baltischer Zeit ist es bereits 10 Uhr. Gerade diese Unterbrechung gehört zur Reise. Die Entfernung zwischen Lübeck und dem Baltikum wurde nicht übersprungen, sondern war spürbar.






Ein Blick auf das Handy verrät uns, dass wir bald die Mitte des Weges von Kiel nach Klaipėda erreicht haben.





Ein Blick auf die Uhr verrät, dass bald das Mittagessen serviert wird. Das leise Rauschen der Schiffsmotoren lädt zum Stillsein ein.



Gegen 19 Uhr sind wir in Litauen angekommen. Klaipėda, das frühere Memel, liegt vor uns. Ein letzter Blick durch das Kabinenfenster bestätigt dies. Hier wird immer noch gehandelt. Zeit, den dicken Band der Buddenbrooks einzupacken. Er muss auf einen anderen Tag auf See warten, bis ich darin weiterlese.



Nida – ein Bild in der Seele


Die rund 98 Kilometer lange Kurische Nehrung ist eine schmale Halbinsel in der Ostsee. Sie trennt das Kurische Haff vom offenen Meer. Sie erstreckt sich von der litauischen Hafenstadt Klaipėda bis in die russische Oblast Kaliningrad.



Nach einem ersten Besuch des Dorfes Nida auf der Kurischen Nehrung im Jahr 1929 verbrachte die Familie Mann die Sommer von 1930 bis 1932 hier. Thomas Mann arbeitete in Nida an Joseph und seine Brüder, schrieb Essays und Briefe und fand für kurze Zeit einen Ort des Rückzugs. Danach kam die Geschichte dazwischen. 1933 verliess die Familie Deutschland; an eine Rückkehr nach Nida war nicht mehr zu denken.


Das Haus verbindet die Stationen unserer Reise auf besondere Weise. In Lübeck begegneten wir dem jungen Thomas Mann und der Welt der Buddenbrooks. In Nida fanden wir den inzwischen berühmten Schriftsteller wieder, der 1929 den Nobelpreis erhalten hatte und sich einem Stoff zuwandte, dessen Handlung noch viel weiter nach Osten und in die Tiefe der Geschichte führt.


Der berühmte Blick aus Thomas Manns Arbeitszimmer auf das Kurische Haff.
Der berühmte Blick aus Thomas Manns Arbeitszimmer auf das Kurische Haff.

Vom Haus blickt man über Kiefern hinweg auf das Kurische Haff. Thomas Mann berief sich bei der Beschreibung dieser Landschaft auf Wilhelm von Humboldt: Man müsse diese Gegend gesehen haben, «wenn einem nicht ein Bild in der Seele fehlen soll».

Nach unserem Besuch fuhren wir durch die Wälder der Nehrung und weiter zu den Dünen. Dann verliessen wir die schmale Landzunge und setzten unsere Reise nach Riga fort. Das Bild der Landschaft reiste mit.




 
 
 

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