• Reisen zur Kunst

Hasen, wohin man blickt

Schon in der griechisch-römischen Kunst finden wir Darstellungen von Hasen. Als Liebessymbol wird der Hase - wegen seiner ungewöhnlichen Fruchtbarkeit - oft der Geliebten als Geschenk überreicht, so wurde er uns mehrheitlich auf griechischen Vasenbildern überliefert.

Ikonographisch interessant ist auch das Motiv des Trauben naschenden Hasen, das sich in der römischen Kunst zeigt. Es erscheint auf Sarkophagen, Mosaiken, Textilien, Wandmalereien und auf Objekten aus Elfenbein. Ein frühes, oft zitiertes Beispiel eines Traubennaschenden Hasen findet sich in einer pompejanischenWandmalerei des vierten Stils aus Herculaneum im Museo Nazionale in Neapel. Ein kauernder, recht rundlicher Hase mit aufgestellten Ohren und wachsamem Blick frisst überdimensional riesige Trauben. Hinter ihm ist – vielleicht zum Verkauf – ein toter Vogel aufgehängt, und in einer Fensternische liegt eine große Frucht. Dass der Hase sich hauptsächlich von Gras und Gemüse ernährt, war auch in der Antike nicht unbekannt. Die Darstellung soll gar nicht als Dokumentation eines natürlichen Verhaltens verstanden werden. Hier signalisieren die Trauben die Herbstzeit, in welcher der Hase gejagt und, so überliefern es uns auch die römischen Kochbücher, zu schmackhaften Gerichten verarbeitet wurde.

Im frühen Christentum wurden nicht nur Themen antiker Mythologie, sondern auch Darstellungen wie der Hase christlich umgedeutet. Der Physiologus, ein anonymer Verfasser vermutlich aus dem Alexandria des 3. Jhs. n. Chr., war der erste, der das Naturreich zielbewußt und folgerichtig zur Erläuterung fundamentaler Glaubenssätze heranzog. „Der Hase nämlich rennt schnell wie im Flug. Und wenn er dem Jäger entflieht und die hohen Bergrücken hinaufrennt, so ermatten die Hunde zusamt dem Jäger und vermögen ihn nicht zu erjagen; rennt der Hase aber bergab, wird er rasch erjagt.[...]" In seiner allegorischen Deutung der Natur kommt der Physiologus zum Schluss, dass der Mensch die Erlösung nur finden kann, wenn er sich zu Gott emporwendet und nicht nach unten, auf die irdischen Genüsse blickt. In diesem Zusammenhang sind wohl auch die Darstellungen von gegenläufigen Hasen auf dem Fußbodenmosaik der frühchristlichen Kirche extra muros in Teurnia (San Peter in Holz, Österreich) zu verstehen. Welcher Hase hier bergauf und welcher bergab läuft, ist nicht zu klären. Wichtig ist, dass sich einer von beiden irrt.

Wie vielschichtig die Darstellungen von Hasen zu verstehen sind, zeigen die Beispiele aus der mittelalterlichen Buchmalerei. Mittelalterliche Handschriften zeigen uns nicht nur Eindrücke des Lebens im Mittelalter, sie enthalten mit detailreichen Abbildungen auch die eine oder andere phantasievolle Geschichte und durchaus auch Witze. Ein humoristisches Thema schlechthin ist im Mittelalter die 'verkehrte Welt'. Dabei karikieren absurde Geschichten die natürlichen Ordnung und kritisieren damit die bestehen Verältnisse, wie sie die Menschen der Vormoderne erlebt haben. Natürlich wurden so auch gesellschaftskritische Meinungen unter dem Deckmantel des Witzes unter die Leute gebracht. Der Hase, ein Tier, das vor allem von adligen Vertretern der Gesellschaft gejagt werden durfte, wird in diesen Darstellungen selbst zum Jäger. Manchmal greifen die Hasen auf einmal die Jagdhunde an. Oder sie gehen aufs Ganze und knöpfen sich die Jäger direkt vor, so zu sehen im Lorcher Chorbuch von 1511. Die Hasen haben den einen Jagdhund an die Leine genommen, den anderen aber haben sie erlegt und auf den Grill gelegt. Der arme Jäger wird selbst am Spiess gedreht und blickt seinem gerösteten Ende entgegen.

Die wohl bekannteste Eigenschaft des Hasen ist natürlich seine Fruchtbarkeit. Im Bild "Madonna mit dem Kaninchen" von Titian aus dem Louvre begegnen wir unserem Hasen wieder. Das um 1530 entstandene Bild war ein Auftrag von Federico II. Gonzaga von Mantua. Wir sehen die Heilige Katharina, welche auf dem Wagenrad kniend der Muttergottes ihren Sohn übergibt. Dieser scheint jedoch eifrig strampelnd nur eines im Kopf zu haben: das Kaninchen in der linken Hand seiner Mutter. Das Kaninchen hat in diesem Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung: Die weiße Farbe des Kaninchens steht für die Reinheit, die Fruchtbarkeit, für die es üblicherweise steht und die durchaus auch negativ konnotiert werden konnte, wird hier ins Positive umgewertet. Da ein weibliches Kaninchen schwanger werden kann, während es bereits trächtig ist, erscheint die zweite Schwangerschaft so, als ob diese unbefleckt empfangen worden wäre. Das Kaninchen wird so zu einem Symbol für die unbefleckte Empfängnis Mariens, was sie zum idealen Gefäß für den Sohn Gottes machte.


So begleitet uns der Hase von der Spätantike durch das Mittelalter und die Renaissance. Heute steht der Osterhase natürlich viel mehr für Geschenke und Genuss. Aus Schokolade oder Marzipan steht er weniger für Reinheit und Verzicht. Und dennoch, man möchte ihn auch in dieser Form nicht aus dem Leben streichen.








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