„Die Auferstehung“ von Piero della Francesca. Und das Wunder von San sepolcro.
- Kojich & Felder Reisen zur Kunst
- 19. Apr. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Apr.

In den Morgenstunden einer kargen Landschaft in der nördlichen Toskana erhebt sich Christus aus dem Grab und betrachtet uns reglos und schweigend. Seit er im Jahr 1468 von Piero della Francesca geschaffen wurde, blickt dieser Christus mit seinen großen dunklen Augen eindringlich auf den Betrachter und durch diesen hindurch. Sein Blick gleitet in den Innenraum des Palazzo dei Conservatori di Sansepolcro, in dem sich heute das Museo Civico befindet. Die Ruhe, die sein Gesichtsausdruck ausstrahlt, wird durch die Entschlossenheit seines festen Schrittes aus dem Grab ergänzt. Der auf dem Sarkophag ruhende Fuß bekräftigt den Triumph und die Entschlossenheit dieses Moments.
Die horizontale Linie des Sarkophags scheint zwei Erzählungsebenen zu trennen. Die metaphysische, christliche Geschichte der Auferstehung wird durch einen Zeitsprung von der winterlichen Natur mit den kahlen Platanenbäumen zur frühlingsgrünen Landschaft im rechten Bildteil metaphorisch erzählt. Am Horizont und in den Wolken zeichnet sich das Morgenrot ab, das sich in den warmen Farben des Gewandes Christi widerspiegelt.
Währenddessen schlafen im unteren Teil des Bildes die Soldaten ungestört weiter. Sie sind dabei als Stellvertreter für die gesamte Menschheit zu verstehen. Einer der vier schlafenden Soldaten hat den Mund geöffnet. Vielleicht könnte man in der Morgenruhe sein Schnarchen hören? Der linke Soldat stützt seinen eingesunkenen Kopf mit beiden Händen. Neben diesem Soldaten ist eine Figur ohne Kopfbedeckung zu erkennen. Vasari zufolge handelt es sich hierbei um ein Selbstbildnis des Künstlers. Da nicht nur die Wächter zu diesem Zeitpunkt schlafen, ließe sich durch die Einschreibung des Künstlers im Selbstbildnis die These formulieren, dass auch die Künste und die Intellektuellen am Ereignis der Nacht nicht teilzunehmen vermochten oder konnten. Diese beiden Erzählungsebenen und Ereignisse – die Auferstehung und das Schlafen der Menschen – werden durch die optisch geformte Pyramide in eine starke kompositorische Einheit eingebettet.
Warum beeindruckt uns das Bild des auferstandenen Christus von Piero della Francesca so stark? Vor diesem Christus empfinden wir Ehrfurcht. Sein Gesicht ist kein klassisch schönes Gesicht. Roberto Longi nennt es „Cristo silvano e quasi bovino“ (silvano = aus dem Holz gemeißelt oder auch „Waldmensch“, bovino = an einen Ochsenkopf erinnernd). Sein Gesichtsausdruck ist streng und ernst. Er ist sich seines Sieges über das Böse und der Überwindung des Todes bewusst. Mit der rechten Hand hält er die Fahnenstange mit einem auf einem weißen Feld liegenden roten Kreuz. Die Benennung der Fahne als „die rettende Fahne des Kreuzes“ (Salvifico vessillo della croce) geht auf den Dominikaner Jacobo da Varagine (1230–1298) zurück. Später wurde sie vereinfacht als Siegesfahne bezeichnet.

Das Wunder von Sansepolcro
1925 verfasste Aldous Huxley den Essay „The Greatest Picture of the World“, in dem er sich mit Pieros Auferstehung und seinen anderen Bildern in Arezzo und Monterchi (Madonna del Parto) auseinandersetzt. Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Essay: „Wer heute den Palazzo dei Conservatori in Borgo Sansepolcro betritt, findet die beeindruckende Auferstehung fast so vor, wie Piero della Francesca sie hinterlassen hat. Ihre klaren und doch subtil zurückhaltenden Farben strahlen mit kaum nachlassender Frische von der Wand. Weder Feuchtigkeit noch Schmutz haben etwas von der Malerei ausgelöscht. Wir brauchen keine Vorstellungskraft, um uns ihre Schönheit vorzustellen; sie steht dort vor uns in ihrer ganzen tatsächlichen Pracht, das größte Gemälde der Welt.“
Fast 20 Jahre später, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde einem jungen Offizier der britischen Armee auf einem Berg im Tal des Hohen Arno befohlen, deutsche Truppen in Sansepolcro zu bombardieren. Er erinnerte sich jedoch an seine Jugendlektüre, nämlich den Text von Huxley, und verweigerte deshalb die Ausführung dieses Befehls. So wurde dieses Kulturerbe des Humanismus für die nachfolgenden Generationen der Menschheit bewahrt und ist bis heute unversehrt erhalten geblieben. Eine Straße in Sansepolcro ist nach dem britischen Soldaten benannt. Im Museo Civico steht immer noch der Christus von Piero della Francesca, der mit seinem strengen Antlitz mahnend und doch vergebend und heilend aus dem Grab heraustritt.





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