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„Die Auferstehung“ von Piero della Francesca.Und das Wunder von San Sepolcro.


In den Morgengenstunden einer kargen Landschaft in der nördlichen Toskana, erhebt sich Christus aus dem Grab und betrachtet uns reglos und schweigend. Seit dem Jahre 1468, wo er einst von Piero della Francesca geschaffen wurde, blickt dieser Christus mit seinen grossen dunklen Augen eindringlich seinen Beschauer an und durch diesen gleichsam hindurch: Sein Blick gleitet in den Innenraum des Palazzo dei Conservatori di Sansepolcro, dem heutigen Museo Civico. Die Ruhe, die dessen Gesichtsausdruck ausstrahlt, wird um die Entschlossenheit seines festen Schrittes aus dem Grabe erweitert. Der Triumph und die Entschlossenheit des Momentes wird mit dem auf dem Sarkophag fest ruhenden Fuss bekräftigt.

Durch die horizontale Linie des Sarkophags scheinen zwei Erzählungsebenen getrennt zu sein. Die metaphysische, christliche Geschichte der Auferstehung wird durch einen Zeitsprung von der winterlichen Natur mit den nackten Platanenbäumen bis zur frühlingsgrünen Landschaft im rechten Teil des Bildes metaphorisch erzählt. Auf dem Horizont und auf den Wolken zeichnet sich das Morgenrot ab, das sich in warmfarbigen Tönen des Gewandes Christi widerspiegelt.

Währenddessen schlafen im unteren Register des Bildes die Soldaten ungestört weiter, – hierbei gar als Stellvertreter für die ganze Menschheit zu verstehen. Einer von den vier schlafendenden Soldaten hat den Mund geöffnet. Vielleicht könnte man in der Morgenruhe sein Schnarchen hören? Der linke Soldat stützt seinen eingesunkenen Kopf mit seinen beiden Händen. Neben diesem Soldaten ist eine Figur ohne Kopfbedeckung zu erkennen und Vasari zufolge, handelt es sich hierbei um ein Selbstbildnis des Künstlers. Nicht nur die Wächter schlafen zu diesem Zeitpunkt; durch die Einschreibung des Künstlers im Selbstbildnis, liesse sich die These formulieren, dass auch die Künste und die Intellektuellen am Ereignis der Nacht nicht teilzunehmen vermochten oder konnten. Diese zwei Erzählungsebenen und Ereignisse (die Auferstehung und das Schlafen der Menschen), werden durch die optisch geformte Pyramide in eine starke kompositorische Einheit eingebettet.

Warum beindruckt uns der auferstandene Christus von Piero della Francesca so stark? Vor diesem Christus spüren wir eine gewisse Ehrfurcht. Das Gesicht Christi ist kein klassisch schönes Gesicht. Roberto Longi nennt ihn „Cristo silvano e quasi bovino“ (silvano = aus dem Holz gemeisselt oder auch, „ein Waldmensch“, bovino = an einen Ochsenkopf erinnernd). Sein Gesichtsausdruck ist streng und ernst. Er ist sich seines Sieges über das Böse und die Überwindung des Todes bewusst. Mit der rechten Hand hält er die Fahnenstange mit einem, auf einem weissen Feld liegenden, roten Kreuz. Auf den Dominikaner Jacobo da Varagine (1230-1298) geht die Benennung der Fahne als „die rettende Fahne des Kreuzes“ (Salvifico vessillo della croce) zurück und wird später vereinfacht die Siegesfahne genannt.



Das Wunder von San Sepolcro

1925 verfasste Aldous Huxley in seinem Essay „The Greatest Picture of the World“, ein Text über Piero´s Auferstehung und zu dessen anderen Bildern in Arezzo und Monterchi (Madonna del Parto). Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Essay: „the visitor who now enters the Palazzo dei Conservatori at Borgo San Sepolcro finds the stupendous Resurrection almost as Piero della Francesca left it. It’s clear, yet subtly sober colours shine out from the wall with scarcely impaired freshness. Damp has blotted out nothing of the design, nor dirt obscured it. We need no imagination to help us figure forth its beauty; it stands there before us in entire and actual splendour, the greatest picture in the world”.

Fast 20 Jahre später, gegen das Ende des 2. Weltkrieges, auf einem Berg im Tal des hohen Arnos, wurde einem jungen Offizier der britischen Armee befohlen, deutsche Truppen in San Sepolcro zu bombardieren. Er erinnerte sich aber an seine Jugendlektüre, nämlich an den Text von Huxley und verweigerte darum diesen Befehl auszuführen. So wurde durch ein Wunder dieses Kulturerbe des Humanismus für die nachfolgenden Generationen der Menschheit verschont und blieb bis heute unversehrt erhalten. Eine Strasse in San Sepolcro ist nach dem britischen Soldaten benannt. Und im Museo Civico steht immer noch so kräftig aus dem Grab senkrecht heraustretend, mit seinem strengen Antlitz mahnend und doch vergebend, heilend der Christus von Piero della Francesca.


Bo Kojich



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