Auf Spazierwegen. Die ästhetische Erfahrung des Alltags.


Gustave Courbet, La Rencontre (Bonjour Monsieur Courbet), 1854, Öl auf Leinwand, 129 x 149 cm, Musée Fabre, Montpellier



Der 1819 im französischen Jura geborene Maler Courbet gilt als das Aushängeschild der künstlerischen Strömung des Realismus. Nicht nur aufgrund seines selbstproklamierten Pavillion du Réalisme während der zeitgleich laufenden, offiziellen Weltausstellung 1855 in Paris. Neben den vierzehn Arbeiten Courbets, welche an der Pariser Exposition universell gezeigt wurden, stellte er parallel dazu in seinem selbstbegründeten Pavillon, vierzig weitere seiner Werke aus. Gustave Courbet fertigte zahlreiche Selbstbildnisse an, die seinem seelischen Zustand Ausdruck verliehen, und setzte sich vielfach mit dem Sujet der bewegten Landschaft auseinander – beides Motive, die den Realismus in seiner Malerei nicht auf Anhieb augenscheinlich werden lassen. Anders sieht es hingegen aus bei jenen Bildern Courbets, die den ländlichen Mittelstand und die Arbeiterschicht beim Verrichten ihrer alltäglichen Arbeit zeigen.


So kann eine sozialkritische Stimme in Bildern wie "Die Steinklopfer" oder "Die Kornsieberinnen" (1854-1855, im Bild rechts) wahrgenommen werden, gleichwohl schreibt sich auch (der Bildgattung des Genres ähnlich) eine Ästhetik des Alltäglichen ein. Courbets Poetik des Einfachen, des Alltäglichen, wenn man die Schönheit darin anzuerkennen vermag, kann bezaubern, gleichwohl will sie im Realen verhaftet sein.


Als interessantes Beispiel hierfür steht Courbets "Le Racontre" von 1854, auch bekannt als "Bonjour Monsieur Courbet". Eine scheinbar gewöhnliche Begegnung auf Landwegen, unbedeutend bedeutend, denn sie wird bildwürdig. Ein interessantes Beispiel ist dies auch insofern, als es den breiten Werkkatalog Courbets, also die Landschaftsmalerei, (Selbst-)Bildnisse und die Repräsentation sozialer Schichten und Realitäten verbindet. Das Gemälde zeigt eine Begegnung auf Spazierwegen. In der Mitte des Figurenprogramms ist der wichtige Künstlermäzen Alfred Bruyas auf seinem Weg nach Montpellier abgebildet, in Begleitung seines Hundes und Bediensteten. Dem Betrachter mit dem Rücken zugewandt, ist zur Rechten Courbet selbst zu erkennen, einfach gekleidet mit Gepäck auf dem Rücken und Wanderstock in der Hand. Die Begegnung wird zur Begrüssung durch die Geste der Hutabnahme, alle drei Figuren, offensichtlich von unterschiedlicher sozialer Rangordnung, vereinen sich in der höflichen Umgangsform. Es schreibt sich eine selbstbewusste Geste des Malers ein, denn Gleichstellung wird formal auch durch die Gegenüberstellung Courbets und dessen Mäzens auf selber Höhe geschaffen. Im Gegensatz zum Bediensteten, dessen Haupt sich demütig unterordnet, scheint sich eine gewisse Spannung zwischen Mäzen und selbstbewusstem Künstler aufzubauen. Erfolgssicher steht Courbet im Profil da: Zu steif emporgereckt sein Bart, zu ungebunden die Person.


Diese scheinbar gewöhnliche Wanderung wird zu einer Reise, auf der eine Künstlerseele versucht, sich Form und Gegenwart zu geben.



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