Mittelalterliche Gesundheitsversorgung? Unter uns!

Updated: Mar 1

Wenn man krank ist, geht man ins Krankenhaus. Das städtische Spital ist heute eine Selbstverständlichkeit und wir hören in den letzten Jahren immer wieder von grossen Spitalneubauten und Erweiterungen. Vor der eigenen Haustür wird in den nächsten Jahren das Universitätsspital Basel grundlegend neu errichtet, das Universitätsspital Zürich grossflächig erweitert. Das Kantonsspital Aarau wird von einem Spitalareal mit vielen Einzelbauten zu einem zentralen Monolith zusammengefasst. Und dies sind nur einige wenige Beispiele. Kurz, es passiert etwas in der Schweizer Krankenhauslandschaft. Doch wie hat das alles begonnen?


Sucht man nach dem Beginn des europäischen Spitalwesens in der heutigen Form, dann kann man entweder bei den modernen Spitälern des 19. Jahrhunderts einsetzten, welche als Krankenversorgungseinrichtung in eben jener Zeit vornehmlich aus den Universitätskliniken gegründet worden sind. In der Schweiz hat sich daraus das flächendeckende System der Kantonsspitäler entwickelt. Auf der anderen Seite kann man kulturgeschichtlich vorgehen und käme nicht umhin, bei Benedikt von Nursia, dem Begründer des Benediktinerordens einzusetzen, der bereits in seiner Regula benedicti, der Ordensregel der Benediktiner, von der Pflicht schreibt, Arme und Schwache im Kloster zu Pflegen. Die Krankenpflege blieb damit über Jahrhunderte hinweg geistliche und vor allem klösterliche Aufgabe. Erst im 12. und 13. Jahrhundert, als durch die zunehmende Urbanisierung und Intensivierung der Handelsrouten die Stadtgemeinden gestärkt wurden, haben auch die Kommunen Spitäler innerhalb der Mauern gegründet. Dabei fällt auf, dass diese multifunktionalen Pflegeeinrichtungen neben den Kranken auch die Armen der Stadt aufnahmen und eher am Rande des Stadtgebietes platziert wurden. Daneben gab es noch Stiftungen von Einzelpersonen wie jener des burgundischen Kanzlers Nicolas Rolin, der im burgundischen Beaune ein repräsentatives Hospital in seinem Namen gestiftet hatte. Dieses stand – logischerweise – nicht am Rande der Stadt, sondern direkt am Marktplatz.


Das typische Hospital war im Mittelalter neben der Pflege von Kranken und vor allem der Armen der Stadt auch ein Hospiz für die Pilger. Darüber hinaus bemerkt man im 14. Jahrhundert einen Strukturwandel der Spitäler. Dienten die Hospitäler im Mittelalter vornehmlich als Kranken- und Pilgerherbergen, so kam im 14. Jahrhundert eine neue Gruppe von Bewohnern der Anstalten hinzu: Pfründner, welche sich dauerhaft in die Hospitäler einkaufen und ihren Lebensabend gesichert verbringen konnten, sind in den Quellen zu diversen Hospitälern nachweisbar. Man könnte sogar davon sprechen, dass sich die multifunktionalen Pilger- und Armenherbergen im Spätmittelalter mehrheitlich zu Pfründneranstalten gewandelt hätten und den modernen Begriff des „Seniorenheims“ verwenden.


Auch Basel, wie jede größere mittelalterliche Stadt, besaß natürlich ein solches Spital und dieses kommt momentan wieder ans Licht! Die Bauarbeiten für die neue Pflasterung der Freien Strasse bieten der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt die Chance, unter die geschlossene Asphaltdecke zu schauen und offene Fragen der Basler Stadtgeschichte zu klären.



Von alten Plänen und Bildern weiss man, dass die Freie Strasse früher wesentlich schmäler war, als sie sich heute darstellt. An der Ecke Freise Strasse/Barfüssergasse befand sich bis ins 19. Jahrhundert das ‚Spital an der Schwellen‘. Ein Hospital, das neben der Aufnahme von Kranken und Armen auch ein Pfrundhaus für die SeniorInnen besass. Im Bereich, der der Freien Strasse zugewandt war, lagen die Heilanstalt, die Räume für die alten Pfründner, die Zimmer der Verwaltung, die spätere Gebärabteilung und ein Betsaal. Bei den ersten Grabungen konnten erste Mauern des Spitales freigelegt werden. Eine schöne Überraschung war der gut erhaltene Boden aus Tonplatten.



Die Befunde passen gut mit dem Merianplan zusammen, der das ‚Spital an der Schwellen‘ noch zeigt. Unerwartet war der Fund von zwei Bestattungen, hier handelt es sich wahrscheinlich um verstobene Insassen. Unerwartet war der Fund deshalb, weil man über den Friedhof des Spitales ebenfalls informiert ist. Nach der Reformation diente der Kreuzgarten des aufgelösten Barfüsserklosters als Spitalfriedhof. Es sagt uns einiges über den Erfolg der damaligen medizinischen Behandlungen, dass man direkt daneben einen Friedhof angelegt hat.



Der medizinische Fortschritt kam tatsächlich erst im 19. Jahrhundert, aber dann auch nicht mehr an der Freien Strasse. 1842 wurde an der Hebelstrasse mit dem Bau des Bürgerspitales (dem heutigen Universitätsspital) begonnen, da der alte und auch enge Bau an der Freien Straße nicht mehr den Bedürfnissen des modernen Gesundheitswesens entsprechen konnte.


Vom ‚Spital an der Schwellen‘ ist heute nichts mehr zu sehen. An der Freien Straße sehen wir Gebäude des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass die Stadtgeschichte oft genug dennoch präsent ist – unter uns, gesichert in der Erde unter einer dicken Asphaltschicht.





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